Mises, Ludwig von * 29.9.1881 Lemberg

Autor: Andreas K. Winterberger
Quelle: Caspar von Schrenck-Notzing (Hgb.): Lexikon des Konservatismus, Leopold Stocker Verlag, Graz/Stuttgart 1996.

Mises, Ludwig von
* 29.9.1881 Lemberg; t 10.10.1973 New
York. Nationalökonom, Philosoph, Sozio-
loge und Ideenhistoriker, Hauptrepräsentant
der dritten Generation der Österreichischen
Schule der Nationalökonomie und zugleich
einer der bedeutendsten Vertreter des klassi-
schen Liberalismus im 20. Jhdt. Gewichtiger
Inspirator des Nachkriegs-Konservatismus in
den USA und in Großbritannien sowie der
klassisch-liberalen Renaissance. Mitbegrün-
der der liberalen, libertären und USA-kon-
servativen Mont Pelerin Society.
M. wuchs in Wien als Sohn eines k. u. k. Ei-
senbahningenieurs auf, besuchte das Akade-
mische Gymnasium und studierte anschlie-
ßend Rechtswissenschaften an der Universi-
tät Wien (Dr. iur.>. Ursprünglich Etatist, ent-


wickelte sich M. unter dem Eindruck der
Lektüre von Carl Mengers "Grundsätzen der
Volkswirtschaftslehre" in Richtung eines
konsequenten Wirtschaftsliberalismus. M.`
eigentliche Ausbildung als Ökonom erfolgte
am Universitätsseminar von Eugen von
Böhm-Bawerk. Mit der Veröffentlichung sei-
nes Erstlings "Theorie des Geldes und der
Umlaufsmittel" (1912) wurde er Privatdozent
an der Wiener Universität. Zeitweise wurde
seine wissenschaftliche Tätigkeit durch den
Frontdienst als Artillerieoffizier der k.u.k.
Armee unterbrochen. 1918 übernahm M. die
Stelle eines Leitenden Sekretärs der Wiener
Handelskammer. Dennoch wandte er sich er-
neut der Geld- und Konjunkturpolitik zu.
1922 veröffentlichte er "Die Gemeinwirt-
schaft", eine ökonomisch-philosophisch-so-
ziologische Analyse der verschiedenen For-
men des Sozialismus und Kommunismus.
1927 publizierte er mit "Liberalismus" das
Gegenstück zur "Gemeinwirtschaft". Ob-
wohl M. durch seine berufliche und wissen-
schaftliche Tätigkeit zum "Nationalökono-
men des Landes" avancierte, dessen Rat in
Politik und Wirtschaft gleichermaßen gefragt
war, bekleidete er in Wien keine ordentliche
Professur (seit 1912 Titularprofessor); er
mußte bis spät in seine Fünfzigerjahre den
größeren Teil seiner Arbeitskapazität ande-
ren als wissenschaftlichen Tätigkeiten wid-
men und blieb somit im akademischen Leben
ein Außenseiter.
Von 1923 an bis zu seiner Berufung nach
Genf 1934 wirkte M. weniger durch seine
Vorlesungen als durch sein Privatseminar, in
dem die vierte Generation der Österreichi-
schen Schule herangebildet wurde, darunter
nicht nur weltbekannte Ökonomen wie
~Hayek` Gottfried Haberler und Fritz
Machlup, sondern auch bedeutende Philoso-
phen und Soziologen wie Eric ~Voegelin,
Alfred Schütz und Felix Kaufmann. Aber erst
die Berufung an das Genfer Institut Universi-
taire des Hautes Etudes Internationales ,gab
M. die Gelegenheit, sich uneingeschränkt ei-
ner großen Zusammenfassung seiner gesell-
schafts- und wirtschaftstheoretischen Ideen
zu widmen. Ergebnis ist das voluminöse Ma-
gnum opus "Nationalökonomie", das durch
das ursprüngliche Erscheinungsdatum 1940
im deutschsprachigen Raum praktisch unbe-
kannt geblieben ist.


Im Frühjahr 1940 flüchteten M. und seine
Frau Margit über Frankreich, Spanien und
Portugal nach New York, wo sie bis zu
Tod lebten. Zunächst arbeitete er am Nauo-
na! Bureau of Economic Research und 1945-
70 als Visiting Professor an der New Yorker
Universität. Unter dem Titel "Omnipotent
Govemment - the Rise of the Total State and
Total War" (1944) begründete er die histori-
sche Fehlentwicklung Deutschlands zum
"Führerstaat" mit dem Niedergang des Libe-
ralismus. Das im gleichen Jahr veröffentlichte
Buch ,,Bureaucracy" stellt eine der besten
Kritiken an diesem Phänomen dar; das ge-
winnorientierte Management wird dem büro-
kratischen (Miß-)Management gegenüberge-
stellt. Das 1949 veröffentlichte Werk "Hu-
man Action" wird heute von Fachleuten in
Amerika als ökonomischer Klassiker be-
trachtet; es handelt sich hier um eine verän-
derte und ergänzte Fassung der "National-
ökonomie". M.` letztes Buch, ,,The Ultimate
Foundation of Economic Science" (1962),
stellt eine essayistische Ergänzung von "Hu-
man Action" dar.
Durch seine Bücher, seine zahlreichen
Aufsätze und sein New Yorker Universitäts-
seminar - aus dem die fünfte Generation der
Österreichischen Schule mit herausragenden
Vertretern wie Murray N. Rothbard und Iz-
rael Kirzner herauswuchs - wurden die geisti-
gen Grundlagen gelegt, die eine Erneuerung
des seit Roosevelts New Deal sich hoffnungs-
los im defensiven Rückzug befindenden Kon-
servatismus ermöglichte. Ohne M. und den
zeitweise in Chicago lehrenden Hayek wäre
der Siegeszug des "neuen Konservatismus"
zu Lasten des bisher dominierenden amerika-
nischen "Liberalism" undenkbar gewesen.
M.` Liberalismus-Verständnis entstand aus
der Überzeugung, "daß die Grundlage der
westlichen Zivilisation auf der Sphäre sponta-
ner Handlung und Verhaltens beruht, die
dem Individuum gewährt wird". Sein Indivi-
dualismus steht nicht im Widerspruch zur
Gesellschaft, die er als Summe von Einzel-
menschen mit verschiedenen Neigiingen, Fä-
higkeiten und Interessen auffaßt: "Durch Ko-
operation mit ihren Mitmenschen verzichten
die Individuen nicht auf ihre Individualität",
weshalb es auch langfristig keinen Wider-
spruch zwischen den Gesellschaftsinteressen
und den persönlichen Interessen itäbe. Der Ii-
berale Individualismus führe nicht zur Isola-
tion, Autarkie, nicht zum "Krieg aller gegen
alle" (Thomas Hobbes), sondern zu Arbeits-
teilung, gesellschaftlicher Zusammenarbeit,
zu einer "Harmonie der Interessen", zu einer
hohen Produktivität und endlich zur Erhö-
hung des allgemeinen Wohlstands und einer
höheren Zivilisation. Wirtschaftliche, indivi-
duelle und politische Freiheiten ergänzten
sich gegenseitig, sie seien untrennbar mitein-
ander verbunden. Friede sei für die Aufrecht-
erhaltung freiwilliger gesellschaftlicher Zu-
sammenarbeit notwendig. Als Liberaler be-
fürwortet M. politische und rechtliche
Gleichheit; Gleichheit im materiellen Bereich
(Egalitarismus) wird wegen der Ungleichheit
der Menschen abgelehnt. Eine Regierung, die
den inneren und äußeren Frieden sichert und
sich darauf beschränkt, legitime Gewalt nur
zur Sicherung des Friedens anzuwenden, er-
laube dem Individuum ein Optimum an Frei-
heit zur Verfolgung seiner Interessen.
In "Nationalökonomie" entwickelt er die
für sein sozialwissenschaftliches Schaffen
charakteristische Lehre der Praxeologie.
Diese "Theorie des menschlichen Handelns
und Wirtschaftens" begründet, warum die
Wirtschaftswissenschaften uns nichts darüber
zu sagen haben, welche Ziele wir uns setzen
und wie wir sie werten sollen. Die Praxeob-
gie ist die Theorie von den Mitteln zur Errei-
chung von Zielen, nicht aber eine Theorie der
richtigen Zielwahl. Wertungen und Zielvor-
gaben liegen jenseits aller Wissenschaftlich-
keit. Die Wahl und das Handeln jeder einzel-
nen Person hängen gänzlich von subjektiven
Werten und den entsprechenden Umständen
ab, die so verschieden sind, daß sie nicht sinn-
v?ll quantifiziert werden können. Theoreme,
die von Gleichgewichten ausgehen (ideales
Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage
etc.) und diese mathematisch zu fixieren su-
chen, sind deshalb wertlos. Beim gegenwärti-
gen Stand des Wissens über gesellschaftstheo~
retische Probleme genügt es laut M. nicht, die
Wirtschaftstheorie gesondert darzustellen;
man muß bedeutend weiter ausgreifen, weil
die Ökonomie nur ein Teil der allgemeinen
Wissenschaft vom menschlichen Handeln ist.
Für M. ist der Markt sehr demokratisch, da
er auf der "Souveränität der Konsumenten"
beruhe: "In einer unbeschränkten Marktwirt-
schaft gibt es keine Privilegien, keinen Schutz

von einseitigen Interessen.~ Der Kern der ii-
beralen Wirtschafts- und Gesellschaftsord-
nung beruhe auf der Arbeitsteilung, welche
ihrerseits auf den unterschiedlichen Fähigkei-
ten, Neigungen und Interessen der Indivi-
duen sowie auf unkonsistenten Bedingungen
für die Produktion basiere. Arbeitsteilung ist
die Antithese zur Autarkie, "basiert sie doch
auf Zusammenarbeit, Abhängigkeit, Friede
und nicht zuletzt auf einer dynamischen Ge-
sellschaft mit hoher Produktivität~. - "Die
Marktwirtschaft anerkennt nicht Grenzen,
ihr Bereich ist die Welt`, deshalb M.` Plä-
doyer für eine von Restriktionen wirtschaftli-
cher, finanzieller und politischer Art gänzlich
freie internationale Marktwirtschaft, basie-
rend auf dem Freihandel. Den sicheren
Schutz gegen eine inflationäre Geldpolitik
der Regierung, die nur zu oft ihr Budgetdefi-
zit durch ein unproportionales Geldmengen-
wachstum auszugleichen sucht, sah M. im
Goldstandard.
1922 bewies M. in "Die Gemeinwirtschaft`
die Unmöglichkeit wirtschaftlicher Kalkula-
tion in einer tauschlosen sozialistischen Wirt-
schaft. Das Ergebnis der dadurch provozier-
ten Diskussion, die bis heute andauert, ist
wohl eine sehr weitreichende Modifikation
der sozialistischen Lehren durch sozialisti-
sche Theoretiker, die nun oft das interessante,
aber irrelevante, da funktionsunfähige Modell
des Konkurrenzsozialismus oder gar des
Marktsozialismus ("dritter Weg`) postuhe-
ren. In "Kritik des Interventionismus` (1929)
und zahlreichen Aufsätzen (,,Planned
Chaos`, 1944; "Planning forFreedom`, 1952)
befaßt sich M. mit dem als "dritten Weg zwi-
schen Kapitalismus und Sozialismus` be-
zeichneten System des Interventionismus,
dessen Illusionen er scharfsinnig entlarvte.
5.: Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, Mün-
chen 1983 (1912); Die Gemeinwirtschaft, München
1982 (1922); Liberalismus, Sankt Augustin 1993 (1927);
Kritik des Interventionismus, Stuttgart 1978 (1929);
Die Ursachen der Wirtschaftakrise, Tübingen 1931;
Nationalökonomie: Theorie des Handelns und Wirt-
schaftens, München 1980 (1940); Bureaucracy, New
Rochelle (N. Y) 1969 (1944); Omnipotent Govern-
ment, New Rochelle (N. Y.) 1969 (1944); Planned
Chaos, Irvington-on Hudaon (N. Y.) 1947; Human Ac-
tion. A Treatise on Economica, Chicago 1966 (1949);
Planning for Freedom, South Holland (111.) 1980(1952);
The Anti Capitalistic Mentalityt South Holland (III.)
1972 (1956); Theory and History: An Interpretation of


Social and Economic Evolution, Westpurt 1981 (1957);
The Ultimate Eoundation of Ecunomic Stience` Kansas
Ci`y 1978 (1962); The Historical Setting of the Austrian
School of Economics, Auburn 1984 (1969); Tht Clash
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Erinnerungen, Stuttgart 1978; "Im Namen des Staates`
oder Die Gefahren dea Kollektivismus, Stuttgart 1978;
Economic Policy. Thoughts for Today and Tutuurruw`
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Auburn 1988; A K Winterberger: Die Unmöglichkeit
der Kalkulation im Sozialismus, Neue Zürcher Zeitung
vom 26. April 1989; A. H. Zishinger: L. v. M.` Sankt
Augustin 1994.

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